Ich bin gerade aus Warschau zurückgekommen – mit einer völlig neuen Perspektive darauf, wie sich ein dynamischer Konsumentenmarkt wirklich anfühlt: modern, freundlich, voller Energie.
Die Wirtschaft ist ernst zu nehmen. Polen hat 2025 die Marke von 1 Billion US-Dollar BIP überschritten. 3,6 % Wachstum im letzten Jahr, im vierten Quartal sogar 4 %. Und das bei einer bemerkenswerten Resilienz: In den letzten 30 Jahren gab es nur drei sehr milde Abschwungphasen – trotz aller Krisen und dem Krieg direkt vor der Tür.
Der Wettbewerb im Einzelhandel ist intensiv. Rossmann betreibt über 1.300 Filialen – in Polen sagt man nicht „Drogerie“, man sagt „Rossmann“. Hebe (über 380 Standorte, 583 Mio. € Umsatz) baut konsequent eine Premium-Beauty-Positionierung auf. Und dm-drogerie markt ist mit über 70 Filialen im Markt – mit einer „best, not biggest“-Philosophie, ganz im Sinne von Christoph Werner. Europas umsatzstärkste Drogeriekette tritt hier als Herausforderer an. Nachdem ich selbst bei L’Oréal gearbeitet habe, kann ich sagen: Das Spiel ist eröffnet.
Auch große Food- und Gastronomiekonzepte expandieren. Ich hatte ein Dinner mit Adam Mularuk – dem Franchise-Partner von L’Osteria in Polen – und seiner Frau, CMO bei Hebe. Zwei Menschen, die gleichzeitig nationale Marken aufbauen, die ihre Kategorien prägen – und das mit Tempo. L’Osteria (aktuell rund 200 Restaurants, ich arbeite mit der Marke) plant Wachstum auf 500 Standorte. Polen spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Polen ist kein „Emerging Market“ mehr. Es ist ein etablierter Markt – nur wird er noch nicht überall so bewertet.
Das Zeitfenster, hier Markenstärke aufzubauen, bevor es richtig voll wird, ist noch offen. Aber nicht mehr lange.
Ich habe außerdem meinen Freund Martin Drabarek getroffen, Agenturinhaber und Spezialist für Luxusmarken wie Delta Powerboats. Das Premiumsegment wächst – +9 % im Jahr 2025.
Auch die Hospitality-Branche zieht an (u. a. ist die Motel One Group präsent). Zwei Marken sind mir besonders aufgefallen: PURO Hotels und die Barceló Hotel Group Powiśle – ein ehemaliges Kraftwerk, heute ein Designhotel, umgeben von Food Markets, Shopping und modernen Wohnprojekten. Warschau weiß, wie man Räume neu denkt. Alte Industrieflächen werden zu lebendigen Erlebnisorten – ein Trend, den man überall sieht.
Eine L’Osteria liegt direkt gegenüber der ehemaligen Wodka-Produktionsstätte Warschaus – heute ein Museum im Besitz von Pernod Ricard.
Viele internationale Marken sind erfolgreich eingetreten – von Beiersdorf bis heute. Gleichzeitig wächst die Kraft lokaler Player. Beispiele: ANSWEAR.com, LPP S.A., CD Projekt, Allegro, Dino Polska S.A., CCC Group.
Abseits der Zahlen: Die Menschen sind offen, freundlich und unglaublich energiegeladen. Unter der Woche wird hart gearbeitet – am Wochenende umso intensiver gelebt. Berlin sollte aufpassen.
Und Kultur? Die reduziert sich längst nicht auf den Palast der Kultur und Wissenschaft. Die Konzert- und Opernszene gehört zu den größten und hochwertigsten Europas. Neue Bands, Events und Formate entstehen überall.